Glättespitze & Habicht über Südwestgrat 

3133 / 3277 Meter

Stubaier Alpen

26. August 2020

Autor: Jürgen

 

Beschreibung:

Gewaltige Urgesteins-Grattour über den geschwungenen Südwestgrat des Habicht, mit Abstecher auf die nahe Glättespitze: vom Ghf. Feuerstein (1.281m) Richtung Lapones und auf Steigspuren nahe des Glättebachs entlang des Winteranstiegs hinauf auf die offenen Flächen der Glättealm (ca. 1.750m). Immer gerade aufwärts, bis man auf 2.380m den Stubaier Höhenweg überschreitet und weiter über Schutt in die Mulde des Glätteferners (2.800m). Steil aufwärts in die Äußere Glättenieder (2.973m) und über den Ostgrat zur Glättespitze (3.133m). Retour in die Scharte und nun immer am Südwestgrat mit nur kleinen Umgehungen über mehrere Felsköpfe und Scharten zum Gipfel des Habicht (3.277m). Abstieg über den Normalweg zur Innsbrucker Hütte (2.370m) und am direkten Steig über unzählige Kehren zum Ghf. Feuerstein.

      

Schwierigkeitsgrad: sehr schwierig (T6/II+)

Rustikaler Anstieg zur Glättealm (T3), danach durch unschwieriges Almgelände zum Glätteferner. Zustieg zur Äußeren Glättenieder entweder direkt (II) oder durch Schotter in leichtem Linksbogen. Ostgrat zur Glättespitze II, teilweise brüchig. Über weite Strecken sehr guter Fels am Südwestgrat des Habicht, im oberen Teil in den Scharten teilweise brüchig. Schwierigkeit auf optimalster Linie II+, phasenweise erheblich ausgesetzt, an einer Stelle zwingende Umgehung erforderlich (abweichend von Angaben im AVF). Abstieg vom Habicht versichert (T4/I).

 

Dauer: 8:30 Stunden

Höhenmeter: ca 2.300 Meter

 

Parkplatz:

Ghf. Feuerstein.  

 

Einkehrmöglichkeiten:

Innsbrucker Hütte

 

Landschaft: ********** (10/10)

Kondition:       ******** (8/10)

Anspruch:     ********* (9/10)



Die Stubaier Alpen in all ihrer Schönheit und Wucht: unterwegs auf der Glättespitze (3.133m, links) und auf dem mir bisher unbekannten Südwestgrat des Habicht (3.277m).

 

Stabiler Sommertag, ideale Verhältnisse für diese Gewalttour. Ich starte bewusst spät am Vormittag um kurz nach 11 Uhr und marschiere vom Ghf. Feuerstein im hinteren Gschnitztal Richtung Laponesalm. Vorne beim verbuschten Hang verlässt man den Fahrweg, ich folge grob dem Winter-Normalanstieg von Süden auf den Habicht, den ich im März 2020 kurz unterhalb des Gipfels abbrechen musste.

 

Die Tour verlangt entsprechende Vorbereitung, also soll sich jeder selbst ein Bild vor Ort machen und den kleinen Steig finden. Bei dieser kurzen Felspassage tritt man über auf die Glättealm.

 

Ein Tag, ein Traum. Talaus das Hohe Tor (2.636m) und die links vorgelagerte Zeisspitze (2.219m).

 

Gelände der Glättealm. Es täuscht, aber hier kann man im mittelhohen Gras durchsetzt mit vielen lockeren Steinen viel Energie liegenlassen.

   

Blick nach Süden zu den Tribulaunen mit Schwarzer Wand (2.917m) und Gschnitzer Tribulaun (2.946m), weiter rechts Pflerscher Pinggl (2.767m) und Hoher Zahn (2.924m) sowie die Weißwand (3.017m). Dort drüben sind wir in den Hikalife-Frühzeiten viel unterwegs gewesen.

 

Zurück in die Gegenwart: auf gelegentlichen Steigspuren oder Gamspfaden immer gerade der Nase nach, hier schon bald bei der Querung des Stubaier Höhenwegs auf 2.380m. Links der von der Glättespitze herabziehende Südostgrat, rechts ein Vorgipfel des Habicht.

 

Die Vegetation tritt zurück. Einzelne Markierungen zeigen an, dass es hier einen häufiger begangenen Anstieg zur Glättespitze von der Innsbrucker Hütte her gibt.

 

Ich betrete die Mulde mit den Resten des Glätteferners. Vorne die Scharte der Äußeren Glättenieder, links oben die düstere Glättespitze. Hier kam mir der letzte Mensch bis zur Innsbrucker Hütte viele Stunden später entgegen.

 

Gegenüber die glatte Habicht-Südflanke. Links der Bildmitte die im Winter genutzte Zustiegsrinne, darüber ein Teil des Südwestgrats.

 

Schwach erkennbare Steigspuren führen durch den Schotter zur Scharte ... 

 

... oder man klettert ein kleines Stück (II-).

 

Ankunft am Grat. Von hier sind es rd. 150 Höhenmeter zum Gipfel.

 

Zuerst aber, Augen auf. Umfassender Blick nach Westen über das hintere Stubaital in die Alpeiner Berge.

 

Instabiles Blockgelände kennzeichnet den Ostgrat. Routenfindung einfach, man erkennt häufigere Begehungsspuren. Zuerst rechts durch eine seichte Rinne, dann meist am Grat. 

  

Hier von rechts auf den Grat (II).

 

Glättespitze (3.133m). Es ist 14:45 Uhr, Zeitplan passt. 

 

Tief- und Fernblick der Extraklasse. 

 

Einmal umgedreht, da steht er, der Habicht mit seinem Südwestgrat. Beeindruckend. Was gibt es zu memorieren? Steiler Aufschwung mit vermutlicher Schlüsselstelle und dann 1-2-3-4 Scharten, bevor es im Gehgelände zum Gipfel geht.

 

Im Abstieg bei der IIer-Stelle fällt mir auf, das rechts im Schatten ein Seil hängt. Besser und sicherer aber links abklettern. Von oben sieht es interessanterweise gar nicht so brüchig aus.

 

Spannende Felsstrukturen, die mich aber nur kurz vom nun folgenden Abschnitt ablenken.

 

Einstieg in den Südwestgrat, gleich am Anfang stellen sich ein paar kühne Zacken in den Weg. Aus der Nähe sehr gut gegliedert, im Gegensatz zur Glättespitze fast überall fester Fels.

 

Teilweise drüber, manchmal etwas rechtshaltend. Ab hier über weite Strecken keine sichtbaren Begehungsspuren. Da es keinen Bericht gibt, war ich hier nun völlig auf meine Intuition gestellt - ein Traum!

  

Rasch komme ich zu dem schon von der Glättespitze sichtbaren markanten Zacken. Links rum, Fehlanzeige, rechts rum, Fehlanzeige, direkt hoch - wohl IV, hmm. Anfangs stand ich wie ein Pudel da.

 

Auf halber Höhe nehme ich nach links den etwas exponierten Riss, schaue um die Kante und sogleich in diese Verschneidung.

 

Klettertechnisch der wohl herausforderndste Teil des Südwestgrats: II+, luftig, aber in der oberen Verschneidung links und rechts gute Griffe.

 

Na bitte. Gehgelände voraus!

 

Oder auch nicht. Abklettern mit den Fußpitzen eingespreizt in den in Bildmitte abwärts verlaufenden Riss. Ausgesetzt, für Leute mit entsprechender Körpergröße und Nerven aber kein größeres Problem.

 

Schon einiges passiert bis hierher, ich bin aber noch immer im ersten Steilaufschwung unterhalb der ersten von 4 Scharten. Rückblick auf den Glättespitz-Ostgrat.

 

Erholsame Ier bzw. leichte IIer-Passagen.

 

Tiefblick zum Glätteferner.

 

Fast oben am Scheitelpunkt des ersten Gratturms, vorne rechts der Habicht noch in einiger Entfernung, vermutlich so um die 800 Meter Luftlinie.

 

Erholsam wird zu fordernd, der Grat schnürt sich schlagartig zusammen. Auf sehr schmaler, glatter Schneide abwärts, viele Tritte gab's hier nicht. Kurz danach: Abbruch und ich musste über das Köpfl wieder zurück.

 

In diese Umgehung etwa 10-15m unterhalb. Dies ist die einzige nennenswerte Umgehung am gesamten Grat.

 

So erreiche ich Scharte Nr. 1, grandioses Klettern.

 

II, strukturierter und weniger steil als es den Anschein hat.

 

Rückblick auf die umgangene Passage mit den wohl nicht ganz alten Ausbrüchen.

  

Abstieg in Scharte 2, II-.

 

Dahinter anhaltend schön weiter. 

  

Der erste Blick über den Elferkamm nach Norden Richtung Innsbruck. 

 

Innere Mischbachgrube.

 

Weiter geht's in wunderschöner Tonart.

 

Kleinere Köpfl werden überschritten. 

 

Langsam aber doch nähert sich der Gipfel. 

 

Scharte Nr. 3, beim ersten Hinsehen war ich mir nicht sicher ob die Teile halten. Hier sorgfältig prüfen und steigen.

 

Hier wirkt nicht alles fest.

 

Gegenüber viel Reibung. Die schon deutlich über 2.000 Höhenmeter beginnen sich auszuwirken, es gilt aber noch die Konzentration hochzuhalten.

 

Unter mir die im Sommer grausig erscheinende Rinne mit dem Winterzustieg.

 

Rötliche Färbung ab hier.

 

Weit ist es nicht mehr.

 

Die vierte und letzte Scharte.

 

Überraschung! Nur: um was genau hier zu machen?

 

Pkt. 3.033m zwischen Innerer und Äußerer Mischbachgrube. Rechts der Mischbachferner mit dem Nordostzustieg über den hier nicht sichtbaren "Habicht-Schnabel".

  

Das war's nun mit den Schwierigkeiten. Ier Gelände leitet aufwärts.

 

Hier turnen im Winter die Skitourengeher herum, freue mich schon wieder darauf. Das Gelände ist im Winter sicher freundlicher also mit dem ganzen Bruch.

 

Kurz vor dem Vermessungspunkt auf der Westschulter.

 

Wer kennt nicht dieses tolle Gefühl, eine lange geplante Tour ins Ungewisse erfolgreich zu absolvieren. Obwohl, bin ja noch nicht einmal ganz oben, geschweige denn unten.

 

Nun doch, Habicht 3.277m, um 17:00 Uhr.

 

Spätsommerabend auf dem Habicht, unten der begangene Grat, links im Hintergrund das hintere Stubaital mit Zuckerhütl (3.510m) & Co., rechts Giganten wie die Ruderhofspitze (3.474m) oder die Östl. Seespitze (3.416m).

 

Gewaltige Fernsicht: im Süden halbrechts die Schneespitze (3.173m), halblinks der Gr. Laugen (2.434m) südlich von Meran, am Horizont die Brenta mit Cima Brenta (3.151m) und Konsorten.

 

Fast zu schön um wahr zu sein.

 

Der Abstieg vom Habicht ist nicht schwierig, aber, wie oftmals betont, nicht zu unterschätzen. Versicherungen helfen über die kritischen Stellen hinweg.

 

Vor allem wenn die Ausblicke den Blick in die Ferne richten.

  

Natur, fernab jeder Hektik. Erwähnte ich schon, dass ich seit der Glättenieder niemanden mehr angetroffen habe?

 

Über den kleinen Habichtferner. Nicht zu weit links absteigen.

 

Abstieg zur Innsbrucker Hütte. Vergnügen für das Bergsteiger-Herz, weniger Vergnügen für die Knie. 

 

Abendstimmung an den Tribulaunen.

 

Es zieht sich etwas, an den versicherten Stellen sollte man nicht in unnötige Hektik verfallen.

 

Ilmspitze (2.692m), dahinter die Kirchdachspitze (2.840m) mit ihrem Südgrat.

 

Innsbrucker Hütte (2.370m), gleich nebem dem Pinnisjoch gelegen.

  

Pause gegen 19 Uhr unterhalb der Hütte. Tiefes Wohlgefühl.

 

Es wird Abend im Gschnitztal.

 

Leicht und Schwer.

 

Wer raufgeht, muss auch wieder runter. Ich wähle die direkte Linie über den Steig der 100 Kehren, aufpassen dass einem nicht schwindlig wird. Nach 8:30h endet diese Tour. So prägnant die Angabe im AVF ("über die Gratzacken stets an der Kante"), so intensiv das reale Bergerlebnis. 

 


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Kommentare: 3
  • #1

    Simon Long (Freitag, 27 November 2020 19:35)

    Gewaltig Tour! Sehr schöne Bilder und Beschreibung (wie immer). Finde ihre Blog immer sehr interessant und inspirierend, besonderes als Ausländer der in Innsbruck seit ein paar Jahren lebt.

  • #2

    Jürgen (Montag, 30 November 2020 19:12)

    Danke Simon, Inspiration ist eines der schönsten Komplimente für uns!

  • #3

    Edith Pfurtscheller (Freitag, 12 Februar 2021 19:17)

    Super Tour, gratuliere �� Tolle Beschreibung