Kumpfkarspitze

2393 Meter

Karwendel

11. Oktober 2018

Autor: Jürgen

 

Beschreibung:

Mit der Nordkettenbahn zum Hafelekar (2.269m) und am Innsbrucker Klettersteig über Seegrubenspitze (2.350m) und die drei Kaminspitzen (2.432/2.435/2.445m) zur Steinkarscharte (2.396m) vor dem Gipfelaufschwung zum Kemacher. Nordwärts in das Steinkar bis ca. 2.200m und aufwärts zur Kumpfkarscharte (2.315m). Durch Schrofen bis vor den ersten Gratturm und in die Südwestflanke hinab zur tief eingeschnittenen Rinne. Über mehrere Steilstufen aufwärts zum Gipfel (2.393m). Retour durch die Rinne und an geeigneter Stelle aufwärts zum Südgrat, wo man mit der Anstiegsroute zusammentrifft. Über das Steinkar retour und zum Kemacher (2.480m), westlich hinab zum Langen Sattel (2.258m) und am Steig zur Seegrube (1.905m).

 

Schwierigkeitsgrad: sehr schwierig (T6/III)

Zustieg über Klettersteig B/C, weglos zur Kumpfkarscharte (T3). Durch Schrofen zum Ansatz des Südgrats (T5). Es gibt - neben schwierigeren Kletterrouten (siehe AVF 12. Auflage 1984, Infos hier) - drei sinnvolle Zustiege, die allesamt irgendwann in der Gipfelrinne enden: 1. früher Abstieg durch Südwestflanke zur Gipfelrinne (im unteren Teil der Rinne III+, der im AVF erwähnte Abseiler), 2. etwas späterer Abstieg durch Südwestflanke (II+/III-, leichteste Route, man gelangt auf halber Höhe in die Rinne), 3. direkter Südgrat (III+, man kommt oben in die Gipfelrinne). Bei Unkenntnis der Route ist sehr gutes Orientierungsvermögen wichtig. 

 

Dauer: 5:30 Stunden (mit Seilbahnunterstützung)

Höhenmeter: ca. 800 Meter

 

Parkplatz:

Hungerburg Nordkettenbahn.

 

Einkehrmöglichkeiten:

Seegrube

 

Landschaft:  ********* (9/10)

Kondition:              **** (4/10)

Anspruch:     ********* (9/10)



Nahe an der Großstadt, aber doch eine völlig konträre Welt - die Kumpfkarspitze (2.393m) an der Rückseite der Innsbrucker "Nordkette". 

 

Von Westen (hier eine Aufnahme von der Kuhljochspitze) zeigt sich das Massiv als Abfolge senkrecht gestellter Schichtplatten mit stark zerklüftetem Charakter. Mein Zustieg erfolgt von der Inntalkette nahe des Kemacher in das hier verdeckte Steinkar und zur Kumpfkarscharte. Alternativ könnte man auch von Scharnitz durch das Gleirschtal in das Steinkar gelangen. Ich peile die Begehung von Süden über die hier teilweise sichtbare Südwestflanke an. Andere Zustiege wie beispielsweise über den Nordgrat via Widderzähne und Raggenkopf (IV) sowie über den Nordgrat des Kemacher (ebenfalls IV) sind deutlich schwieriger. 

 

Heute nicht ganz 'by fair means'. Ich gönne mir zur Abwechslung die Bergfahrt mit der Nordkettenbahn, die mich von der Hungerburg über die Seegrube zur Bergstation am Hafelekar bringt (2.269m).

  

Heroben pfeift der Föhnsturm. Wenige Minuten hinüber zum Beginn des Innsbrucker Klettersteigs, den Roman bereits dokumentiert hat (Topo hier, Schwierigkeit B/C). 

 

Ich nehme statt der C-Einstiegsstelle den Original-Anstieg zur Seegrubenspitze (I, 2.350m). 

 

Tiefblick zur Seegrube. In den Scharten sorgt der Föhn für eine steife Brise, viel stürmischer hätte es nicht sein sollen.

 

Westwärts weiter zu den Kaminspitzen. 

 

Fantastischer Blick zur Gleirsch-Halltalkette, davor Niederbrandjoch und Mandltal. Unten Tunigskar, links ein Teil der Grubreisentürme. 

 

Aufschwung zur Östlichen Kaminspitze. 

 

Ich wollte ursprünglich den alten Normalweg probieren, der etwas tiefer in der Südflanke hinüber zum Kemacher führt. Aufgrund des starken Windes habe ich diese Erkundung verschoben und blieb am Klettersteig. 

 

Östliche Kaminspitze (2.432m), danach folgen Mittlere (2.435m) und Westliche (2.445m). Die Östlichste Kaminspitze, bei der der Grubreisengrat nach Norden abzweigt, wird nicht berührt.

  

Seufzerbrücke zwischen Mittlerer und Westlicher Kaminspitze.

 

Abstieg von der Westlichen Kaminspitze.  

 

Vor dem Kemacher hinab in die Steinkarscharte. 

 

Im Norden wartet die Kumpfkarspitze auf etwa gleicher Höhe. 

 

In der Steinkarscharte (2.396m).

  

Jetzt lasse ich die Zivilisation hinter mir, es geht hinunter ins düstere Steinkar. Vorne die Westseite der Grubreisentürme. Durch die Grubreisenscharte rechts der Türme könnte man auch in das Steinkar absteigen, ist aber umständlicher.

 

Oben etwas Restschnee, großteils akzeptabler Schotter. Auf leichten Steigspuren quere ich hinüber zum Ansatz der Felsen (ca. 2.200m).

 

An der Begrenzung des Kars geht's relativ gutmütig hoch zur Kumpfkarscharte (2.315m). 

 

Alte Markierungen, die man hier zur Orientierung aber nicht braucht. Später im Felsengewirr der Kumpfkarspitze gibt es keine Markierungen.

 

In der Kumpfkarscharte angekommen, es geht an der Westseite weiter. Ein kleiner Kessel schottriger Kessel ist zu queren (T5). Wie im Übersichtsbild oben zu sehen, befindet man sich mehrere 100 Höhenmeter oberhalb des Kumpfkars, ein Rutscher ist zu vermeiden.

 

Danach auf Steigspuren unschwierig an den Gipfelaufbau heran (T4). Die entscheidende Frage: welcher ist der erste "scharfe Gratzacken", bei dem man in die Südwestflanke absteigen muss, um die leichteste Route (III-) zu finden?

 

Erste Möglichkeit: steil da runter. Wie sich wenig später herausstellen sollte, nicht die leichteste Route.

 

Wildes Gelände, da rüber in die Scharte. Vom starken Föhn war übrigens hier an der Rückseite der Nordkette fast gar nichts zu spüren.

 

Nach der Scharte in einen kleinen Kessel, wo die tiefe Gipfelschlucht ansetzt. Der untere etwa 20m hohe Teil sind drei Geländestufen, die zum Teil durch Klemmblöcke versperrt sind. Von unten habe ich das als für mich ohne Seil als machbar bewertet, wobei der mittlere Aufschwung eher schon III+ ist. Darüber erblicke ich eine Schlinge und identifiziere diesen Teil als den Abseiler (AVF Klier, 12. Auflage, Route 736A mit Abseilstelle).

 

Nach der schwierigen Passage sollte ich mit der "leichteren" Route zusammentreffen. Allerdings teilt sich die Rinne in einen linken und rechten Ast. Mein Gefühl zieht mich rechts hinauf Richtung Südgrat, ich habe keine Lust mich in diesem Gelände zu weit Richtung westlichen Abbruch zu bewegen. 

 

Steil und schottrig (II). 

 

Fast wieder am Südgrat. Links zieht eine Rinne rauf (III-), die oben mit einem Wandl abschließt - diese Perspektive kenne ich von einem Bericht, der den Südgrat beschreibt. Jetzt bin ich offensichtlich wieder zu hoch. Der Südgrat wird nachher noch deutlich schwieriger (III+), also klettere ich wieder ab und versuche nochmals, die Hauptroute zu finden.

 

Der direkte Südgrat sieht sehr reizvoll aus (III+/IV-?), auch ein Seilstück ist zu sehen, aber die III+ Abkletterstelle weiter oben schreckt mich ab.

 

Das Gelände ist wirklich ziemlich chaotisch, aber schön langsam wird mir die Struktur des Gipfelaufbaus klar. Ich steige wieder in die steile Rinne ab. Steinmänner oder ähnliches? Fehlanzeige.

 

Unten bei der Verzweigung - knapp oberhalb der Abseilstelle - nun ab in den linken Ast. Eine weitere IIIer-Rippe stellt sich in den Weg. 

 

Rückblick. III bzw. III+ erkenne ich für mich immer daran, dass ich seilfrei nicht mehr unbedingt runter will. Wie sich später herausstellt, wird das auch nicht mehr nötig sein.

 

Was danach folgt, ist herausragendes Karwendel. Anstieg durch die Gipfelrinne, eine II+ noch, dann nach oben hin leichter werdend. 

 

Wer über den Südgrat geht, muss an dieser Platte die III+ abklettern.

 

Nach oben öffnet sich das Gelände. 

 

Ausstieg zum Gipfel. Zwei Metallstangen bilden das Empfangskomitee, trotz der Nähe zu Innsbruck kommen nur eine Handvoll Bergsteiger pro Jahr hierher. Einige davon absolvieren die berüchtigte "Steinkahrumrahmung", die in älteren AVFs herumgeistert.

 

Kumpfkarspitze (2.393m). Interessanterweise fast windstill, obwohl es am Kemacher ziemlich stürmt.

 

Blick hinüber zum Hafelekar links und die Nordseite der Inntalkette.

 

Richtung Nordgrat zum Raggenkopf, im Hintergrund Wetterstein und Arnspitzgruppe.

 

Ein Zeit lang studiere ich noch den Nordgrat des Kemacher, wäre ja doch deutlich eleganter als der Abstieg retour ins Steinkar. Dessen Schwierigkeiten dürften aber keine seilfreie Begehung rechtfertigen.  

 

Abstieg durch die Gipfelrinne.

 

Um die vorhin erwähnte IIIer-Rippe im Abstieg zu vermeiden, teste ich eine seitliche Steilrinne aus, um eventuell so vom linken in den rechten Ast zu kommen. Und tatsächlich...

  

... kann man hier in Bildmitte relativ elegant auf schmalem Band hoch über der Schlucht rüberwechseln (evtl. die im AVF genannte III-, für mich eher II+). Das sollte, nach etwas Hin und Her, nun die tatsächlich leichteste Route sein. Man muss aber schon wissen, wo es genau langgeht.

 

In diesem Gelände kann man gut seine Nerven testen. Es geht nun wieder hinauf zum Südgrat. 

 

Noch ein paar IIer Stellen Richtung Süden. Rechts dürfte jener "scharfe Gratzacken" sein, wo der AVF empfiehlt links hinab in die Südwestflanke in die tief eingeschnittene Gipfelschlucht zu queren. Geradeaus der sich aufbäumende Südgrat, den ich zuvor nicht weiter verfolgt habe - wilde Szenerie.

 

Karwendel - was für eine Augenweide.

 

Danach steigt man weiter nach Süden ein paar Höhenmeter schrofig ab und so schließt sich der Kreis. 

 

Rückblick auf den schrofigen Teil. Rechts der "scharfe Zacken".

 

Retour zur Kumpfkarscharte. 

 

Kaum zu glauben, welches Felsgewirr sich hinter diesem scheinbar so kompakten Gipfelaufbau verbirgt. Keinesfalls zu unterschätzen!

 

Hinüber zur Scharte mit Gedenktafel.

    

Ideale Schotterei hinunter ins Steinkar. 

 

Drüben nochmals die Grubreisentürme.

 

Auf Wiederschaun, Kumpfkar!

 

Etwa 200 Höhenmeter zach hinauf zur Steinkarscharte, weiter oben ging's dank Trittschnee recht gut. 

 

Zurück in die ...

 

... lärmende Unruhe des Innsbrucker Zentralraums. 

 

 

Weiter am Klettersteig aufwärts zum ...

 

... Kemacher (2.480m).

 

Inntalkette mit Kaminspitzen, der Großteil des östlichen Teilabschnitts des Klettersteigs. 

  

Ich weiche dem starken Wind aus und mache ein paar Meter unterhalb des Gipfels Pause. 

 

Fantastische Südwestansicht der Kumpfkarspitze, von hier kann man die südliche Gipfelschlucht erahnen.

 

Abstieg zum Langen Sattel, hinten der tolle Grat zwischen Brandjochspitzen - Hohe Warte - Kleinem Solstein

 

Kurz unter dem Gipfel hat's noch eine etwas ausgesetztere Stelle bei der kleinen Scharte, danach zunehmend Gehgelände. 

 

Kleinkristen- und Gleirschtal. 

 

Langer Sattel (2.258m), wer will könnte hier noch die etwas schwierigere 2. Sektion des Innsbrucker Klettersteigs anhängen (C/D).  

 

Mein Kletterbedarf für heute ist aber gedeckt, weiter am "Kärntner Steig" hinab Richtung Seegrube. 

 

Futter für die Sinne. 

 

Im besten Herbstlicht gemütlich hinüber zur Seegrube. 

 

Beeindruckende Südflanke der Inntalkette.

 

Die Runde schließt sich bei der Seegrube (1.905m). Keine 20 Minuten später bin ich dank Seilbahn wieder mitten in Innsbruck. An kaum einem Fleckchen Erde liegen Zivilisation und Wildnis so nahe beieinander wie an der Innsbrucker Nordkette. 

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 0