Scharnitzspitze & Oberreintalschrofen

2463 / 2523 Meter

Wetterstein

26. Oktober 2019

Autor: Jürgen

 

Beschreibung:

Anspruchsvolle Tour auf zwei Klettergipfel im südlichen Wetterstein: vom Parkplatz P2 im Gaistal (1.190m) an Wettersteinhütte (1.717m) und Wangalm (1.751m) vorbei ins Scharnitztal und im oberen Teil weglos zum Einstieg unterhalb der Westl. Wangscharte (ca. 2.220m). Über sehr steile Schrofen und Kamine zur Scharte (2.336m). Am Westgrat über mehrere Aufschwünge zur Scharnitzspitze (2.463m). Zurück zur Westl. Wangscharte und über den Ostgrat auf den Oberreintalschrofen (2.523m). Abwärts durch den Normalweg in der Südwestflanke, hinab zum Südwandsteig und via Hämmermoosalm (1.417m) zurück zum Parkplatz.

 

Schwierigkeitsgrad: sehr schwierig (T6/III)

Seilfreie Tour, welche die Beherrschung des III. Grads im exponierten Gelände voraussetzt. Sehr steil durch Schrofen und Kamine aufwärts zur Westl. Wangscharte (T6, zumindest III-). Westgrat zur Scharnitzspitze III-/III an zwei Aufschwüngen, viel I/II, teils ausgesetzt. Wegfindung großteils logisch, Steinmann aber nur an der nordseitigen Umgehung im oberen Teil. Ostgrat zum Oberreintalschrofen brüchiger, II-, oben II. Normalweg durch Südwestflanke oben ebenfalls brüchig, I, unten Stelle II+.  

 

Dauer: 7 Stunden

Höhenmeter: 1.480 Meter

 

Parkplatz:

P2 Stupfer Gaistal

 

Einkehrmöglichkeiten:

Hämmermoosalm

Wettersteinhütte

Wangalm

 

Landschaft:  ********** (10/10)

Kondition:        ******** (7/10)

Anspruch:       ********* (9/10)



Das "Reich der Kletterer", wie es in einem Bericht so treffend heißt. Die messerscharfen Grate auf die Scharnitz- und Schüsselkarspitze im südlichen Wetterstein sind üblicherweise das Revier von Seilschaften. 

  

Auftakt zu einem Traum-Herbstwochenende. Mit jedem Schritt trete ich aus dem Kaltluftsee im Gaistal und am Seefelder Plateau heraus. Einfach die ideale Jahreszeit für die sonnige Südseite des Wetterstein. 

 

Auf dem Weg in das Scharnitztal derselbe Blick wie letztes Jahr auf meiner Tour zum Teufelskopf (2.391m) und dem Oberreintalschrofen (2.523m), die beiden Zacken links. Heute visiere ich den dreiecksförmigen Gipfel der Scharnitzspitze an, mit Zustieg über die in Bildmitte gut erkennbare Westliche Wangscharte. 

  

Weglos vom markierten Steig hinauf zur Südwand. Über den westlich gelegenen Rücken des Rossbergs werde ich später wieder absteigen.

 

Imposant die Südwand der Scharnitzspitze mit ihren zahlreichen Kletterrouten in allerbestem Kalkfels. Rechts die Östliche Wangscharte und der Westgrat hinauf zur Schüsselkarspitze. Alles was man hier sieht ist IV oder darüber.

  

Daher eher links zur Westl. Wangscharte geblickt. Der AVF spricht von III- und zwei möglichen Anstiegen: entweder links durch die tiefe Schlucht (durch die laut diversen Berichten idR abgeseilt wird) oder etwas weiter rechts durch die von hier sympathischer aussehenden Schrofen und im oberen Teil über einen Kamin. Mal schauen ... 

 

Am Einstieg. 

 

Über die erste Steilstufe auf eine Grasterrasse und ohne größere Schwierigkeiten hinauf zur Schlucht. Wildes Gelände.

 

Die Schlucht. Der erste Aufschwung meiner Einschätzung nach mindestens III, jener darüber nicht einsehbar. Ich klettere wieder etwas ab und probiere die Schrofen-Variante.

 

Auf ausgesetztem Band hinüber, eventuell Umgehung unterhalb möglich.

  

Der im AVF erwähnte "steile Grasstreifen".

 

Zu diesem Kamin, tolle Felsqualität wie überall hier. Die im AVF erwähnte Gabelung und Abzweigung nach rechts habe ich irgendwie übersehen, ich bin nach links oben ausgestiegen und habe dies als satten IIIer empfunden - geht also rechts wahrscheinlich leichter. 

 

Rückblick auf die senkrechte Wand. Angesichts der absoluten Ernsthaftigkeit des Geländes und der nicht ganz optimalen Routenwahl stand ich unter markantem Adrenalin.

 

Ausstieg zur Westl. Wangscharte, links der mich an die Arnplattenspitze erinnernde Ostgrat des Oberreintalschrofens. Doch vorher ... 

 

... geht's in die andere Richtung, nämlich hinauf zur Scharnitzspitze. Der erster Turm am Grat wird direkt überklettert (III- und luftig).

  

Dahinter über steile Schrofen und danach kurz nordseitig in eine "breite, schuttbedecke Scharte".

 

Trotz der eindeutig erkennbaren Gratlinie erfordert die Wegfindung etwas Gespür. 

  

Südliche Umgehung eines brüchigen, gelben Abbruchs.

 

Leicht exponiert durch einen Riss zurück zum Grat (II).

 

Dem Grat folgend zum nächsten Hindernis.

 

Das schattige Scharnitzkar.

 

Über rauhere, gut kletterbare Strukturen wieder hinauf zum Grat (II+).

 

Was für eine Umgebung! Das konzentrierte Klettern im guten Fels erzeugt einen Flow-Zustand, bei dem ich Zeit und Raum vergesse.

 

Ich nähere mich diesem nächsten beeindruckenden Aufschwung. Ein besserer Kletterer kann hier natürlich einen der Risse nehmen, ich aber ... 

 

... orientiere mich am AVF und dem auf einem nordseitigen Band postierten Steinmann. 

  

Über vergleichsweise gutmütiges Gelände und eine gutgriffige Rinne den nächsten Steilaufschwung erklommen (II).

 

Auf die Südseite gewechselt, hier schon kurz unter dem Gipfel.

 

Der "schwierige, kaminartige Riss" hinauf zum Gipfel (III). 

 

Done! Nach ca. 50 Minuten am Westgrat am höchsten der drei Gipfelzacken der Scharnitzspitze, 2.463m, mit Wow-Blick hinüber zu den Seilschaften an der Schüsselkarspitze (2.551m). Links der Bildmitte die Leutascher Dreitorspitze (2.683m), die von deren Ostseite doch deutlich einfacher zu erreichen ist.

 

Ein länger gehegtes Vorhaben bei Traumverhältnissen realisiert. Letztes Jahr am gegenüberliegenden Oberreintalschrofen hat mich der stürmische Ostwand fast heruntergeblasen.

 

Eine Variante bestünde im Abstieg zur Östl. Wangscharte über den Ostgrat der Scharnitzspitze (II bis III-). Aus der Scharte nach Süden wäre ein Abseiler erforderlich (man liest aber auch was von ein paar Krampen als "Klettersteig"), nach Norden ins Oberreintal gibt es eine Route die angeblich nicht über II liegt.

 

Ich steige wieder über den Westgrat ab.

 

Nach der IIIer Stelle ab auf die ...

 

... etwas brüchigere Nordseite. 

 

Und hinauf zum Steinmann. 

 

Runter mit ordentlich Tiefblick, der Fels ist aber überall mehr als brauchbar.

 

Eine im Abstieg recht luftige, nicht sehr angenehme Stelle, die mir im Aufstieg gar nicht speziell aufgefallen ist.

 

Anregend, wie auch das Abklettern am letzten Turm.

 

Zurück in der Westl. Wangscharte.

 

Blick hinunter zum Anstieg bzw. Abseiler in die Schlucht.

 

Ostflanke hinauf zum Oberreintalschrofen. Steil, aber signifikant einfacher (II-).

 

Im oberen Teil schnürt sich der Grat mehr zusammen (II).

 

Und es bröckelt zusehends.

 

Oberreintalschrofen (2.523m) mit Gipfelstange, heute wesentlich angenehmer als beim ersten Mal im November 2018. 

 

Nach Osten zur von hier kaum erkennbaren Scharnitzspitze, deren schmaler Grat fast vor der Schüsselkarspitze verschwindet.

  

Die wesentlichen Schwierigkeiten sind geschafft, unterschätzen sollte man den Abstieg vom Oberreintalschrofen aber nicht. 

 

Besonders fasziniert mich - neben den brüchigen Türmen - die schmale Gratschneide hinauf zur Scharnitzspitze.

 

Die Gesteinsqualität am Oberreintalschrofen fällt im Vergleich zur Scharnitzspitze leider ziemlich ab.

 

Der Schrofenhang im Mittelteil.

 

Darunter folgt wieder ausgesprochen guter Fels.

 

Herrliches Klettern (hier bis II+) bei spätsommerlichen Temperaturen zum Abschluss dieses Exkurses in das Reich der "echten" Kletterer. 

 

Zurück am Wandfuß. Dieser Blick Richtung Scharnitzjoch ist für mich einer der Allerschönsten.

 

Die Familie wartet bei der Hämmermoosalm unten im Gaistal, daher westlich haltend zuerst runter zum Südwandsteig.

 

Diesem in leichtem Auf und Ab folgen.

 

Bis knapp vor den Schönberg (2.142m) nahe der Rotmoosalm. Rechts oben wäre der Zustieg zum Hinterreintalschrofen inmitten des Teufelsgrats zu finden.

 

Ende Oktober, ein Herbsttag wie man ihn sich nicht schöner wünschen könnte.

 

Baum auf Stein.

 

Abstieg in das Gaistal.

 

Nach der empfehlenswerten Einkehr in der Hämmermoosalm. Der Herbsttag geht zu Ende.

 

Wie auch meine Tour in das "Reich der Kletterer", eine der für mich persönlich kaum mehr zu übertreffenden Unternehmungen im außergewöhnlich schönen Bergjahr 2019.

 


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Kommentare: 2
  • #1

    rainer (Mittwoch, 30 Oktober 2019 21:33)

    gratuliere Jürgen, tolle Leistung!

  • #2

    Simon (Freitag, 01 November 2019 12:55)

    Super Leistung - tolle Tour !